Erlebnisbericht

Das Gehörlosenzentrum Tànana Mirana in Madagaskar

Ich durfte im Sommer 2010 ein paar Wochen auf Madagaskar im Zentrum Tànana Mirana in Antananarivo verbringen. Ich gebe zu, dass ich, trotz meiner bald 25 Jahren Erfahrung mit Menschen mit einer Behinderung, gleichwohl ein bisschen gespannt war, wie ich es erleben würde, ohne Kenntnisse der Gebärdensprache und ganz allein als Hörende, den ganzen Tag zusammen mit gehörlosen Kindern, Jugendlichen, Betreuerinnen und Ausbildern zu sein.

Ich kannte zum Glück die Leiterin (die einzige Hörende)  und war froh, dass sie mich am ersten Tag den anderen vorstellte. Nach dieser Vorstellungsrunde musste sie weg und so fand ich mich zusammen mit den drei Betreuerinnen in einem Zentrum, in dem die Kinder nicht nur gehörlos waren, sondern auch zusätzlich eine kognitive Behinderung hatten. Wer am nervösesten war, weiss ich nicht sicher, aber später erzählten mir die drei Betreuerinnen, dass sie sich noch unsicherer gefühlt hätten als ich….Warum denn fragte ich sie? Und sie meinten, weil ich gebildet sei und sie nicht.

Während der ersten paar Tage beobachtete ich das Geschehen, spielte mit den Kindern und versuchte, mir ein paar Zeichen zu merken. Alle hatten nebst ihren geschriebenen Namen auch einen Namen in der Gebärdensprache.  Allein schon mir diese Namen zu merken war eine grosse Herausforderung für mich. Auch mir gaben sie einen Namen. Wie bekommt man denn einen Gebärdensprachename? Sie haben mich beobachtet und schnell gesehen, dass ich oft mit meiner rechten Hand meine Haarfransen zur Seite geschoben habe. Mir war das nicht bewusst, aber sie haben das sofort gemerkt. Weil die meisten madagassischen Frauen keine Fransen haben, war es für sie ganz klar – mein Name war: „Rechte Hand nach oben und die Fransen mit den Fingerspitzen zweimal leicht zur Seite hin wischen“. Sie wollten auch wissen, ob ich mit meinem neuen Namen einverstanden sei.

Später stellten sie fest, dass ich mit meinen 178 cm die grösste Frau war, die je im Zentrum gewesen war…

Da war ich froh, dass mein Gebärdensprachename nichts mit einer Riesenfrau zu tun hatte!

Am Vor- und Nachmittag befanden sich die meisten Kinder in den öffentlichen Schulen im Unterricht. Sie wurden von gehörlosen Ausbildnern begleitet. Dieses Modell der Integration hat mich sehr beeindruckt, speziell auch, weil es in europäischen Ländern selten so umgesetzt wird.

Die Schulen in Madagaskar sind nicht mit unseren Schulen zu vergleichen. Schulmaterial gibt es fast keines. Die Kinder haben nur ein Schreibheft, in das sie von der Wandtafel kopieren. Dies macht die Arbeit der gehörlosen Ausbildner extra schwierig. Sie müssen sehr gut mitverfolgen, was die Lehrer an die Wandtafel schreiben und ein grosses Allgemeinwissen haben, um den Inhalt den Kindern in Gebärdensprache gut erklären zu können.

In der Umgangssprache hört man manchmal das Wort  „taubstumm“. Wenn jemand deswegen glaubt, es sei sehr ruhig und still in einen Zentrum für gehörlose Menschen, dann muss er umdenken. Schon nach ein paar Minuten an diesem Ort versteht man, warum der alte Begriff „taubstumm“ durch „gehörlos“ ersetzt worden ist. Töne vom Lachen und Schreien begleiten diese Kinder ständig– und haben mich als Hörende mehrmals „erschreckt“.

Aber dass Gehörlose auch sprechen lernen, ohne selber je ein Wort gehört zu haben, das hat mich am meisten beeindruckt in diesen paar Wochen im Zentrum. Durch eine spezielle Lernmethode können Gehörlose sprechen lernen und dies vereinfacht ihr Leben im Alltag enorm. Einer der Ausbildner, Tovo, spricht nicht nur Madagassisch, sondern hat auch Französisch, Englisch und ein bisschen Deutsch gelernt. Und ich dachte immer, mit meinen drei Sprachen sei ich sprachstark…

Wenn Sie also wieder einmal das Wort „taubstumm“ benutzen, denken Sie ans Zentrum Tànana Mirana und daran, dass gehörlos  und stumm nicht das Gleiche ist.

Ein Teil der Kinder und Jugendlichen von Tànana Mirana kommt jeden Samstag zum freiwilligen Tanzunterricht. Es geht darum sich selber zu spüren und der Umwelt zu zeigen – ICH KANN ETWAS. Aber gehörlos und tanzen, geht das überhaupt zusammen? Und wie sieht es aus, wenn eine Gruppe gehörloser Kinder und Jugendlicher tanzt? Auf http://www.youtube.com/watch?v=Lr452TLlZkA sieht man, was die gehörlosen Jugendlichen vom Zentrum Tànana Mirana können. Bitte schicken Sie uns nachher ein Feedback. Wir und auch die Tänzer und Tänzerinnen in Madagaskar möchten gerne wissen, was Sie empfunden haben, als Sie dieses Video gesehen haben.

Ellen, 2011